Samstag, 25. November 2006
schnizzl, 00:46h
zugegeben - heute geht es nicht direkt um den terrorkiez neukölln. vielmehr geht es heute um die unterschicht. nicht um die neue unterschicht, von der jetzt alle reden, sondern um den ganz klassischen rand der gesellschaft - die bettler.
zunächst die empirischen befunde: in berlin gehören bettelnde menschen zum alltag. vorwiegend sind sie im bereich der u- und s-bahn anzutreffen, in problembezirken tauchen sie hin und wieder auch auf offener straße auf. die gründe für ihr betteln sind meist: obdachlosigkeit und arbeitslosigkeit oder eine kombination von beidem. die gründe für diese notlagen bleiben in der regel im dunkeln und lassen sich nur erahnen- schlimme verkrüppelungen (direkt vor meiner haustür streckte mir ein mann seinen verstümmelten arm ins gesicht und forderte geld.) und alter('sie wissen ja wie schwer es ist mit 50 noch arbeit zu bekommen!') sind zwei gründe, die ich bisher ausfindig machen konnte.
um an die begehrten almosen zu gelangen, haben sich auch verschiedene aktionsformen herausgebildet. sehr beliebt ist der verkauf der obdachlosenzeitungen 'straßenfeger', 'stütze' und 'motz'. das konzept der straßenzeitungen, es den obdachlosen zu ermöglichen eben nicht als bettler auftreten zu müssen, ist längst de facto ausgehebelt, weil niemand diese zeitungen lesen will! im vorteil sind da eindeutig diejenigen, die in der lage sind ein musikinstrument zu spielen - häufig anzutreffen ist hierbei die gitarre (gerne mit gesang), seltener auch klarinette (gibts übrigens auch mit gesang!), keyboard oder violine. wer kein instrument spielen kann, kann es auch mit solo gesang versuchen, was in der regel auch noch recht gut ankommt. eine andere form der aktion ist das betteln mit hund. denn dem hundeblick können die leute nicht so gut widerstehen... der letzte aktionstypus ist das monotone runterbeten einer spendenauforderung. da diese aktion, die leute wenig berührt und nur wenige geld geben, kommt es dabei auch zu latenten wutausbrüchen auf seiten des bettlers. um dies zu veranschaulichen möchte ich zu guter letzt meine heutige u-bahn begegnung umreißen:
am bahnsteig sehe ich einen wirren typen, der aus den rillen der bodenplatten einen zigarettensummel friemelt und ihn dann raucht. er begegnet mir im u-bahn-wagen wieder. ich höre etwas von langzeit-arbeitslos, obdachlos seit vielen jahren und vertiefe mich in meine zeitung - man hat ja schnell gelernt nicht mehr hinzusehen. dann schlurft er mit einem alten kaffeebecher, der als spendendose dient, durch den wagon. niemand gibt etwas. er wird wütend und flucht: 'warum läuft das denn nicht. warum läuft das denn nie. es kann doch nicht mehr sein! warum das nicht läuft?!' der mann neben mir lacht in sich hinein. ich muss selber auch lachen und denke, dass vielleicht bei ihm gerade der reflexionsprozess einsetzt, warum das eben nicht läuft, und er dann selbst ein schritt aus dem eigenen elend bewältigen kann.
warum das nicht läuft, ist klar: der markt der almosen ist hart umkämpft in anbetracht der großen konkurrenz!
letztlich bleibt ein gefühl der ohnmacht gegenüber diesen menschen, das sich mit der diffusen und naiven hoffnung verbindet, dass alles bald besser wird.
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claudius al-musafir,
Samstag, 25. November 2006, 10:10
auf nach tübingen
hey - nett mal wieder was von dir zu lesen. wollte dir gerade ne mail schrieben mit einer verbindlichen drohung (und so) um hier mal wieder schwung rein zu bringen. Wenn du das nächste mal deinen kippen-friemeler triffst kannst ihm einen tipp von mir ausrichten? In Tübingen ist der markt noch nicht gesättigt. war da neulich und kann sagen: da ist noch was drinn. da gehts auch noch ohne irgendwas tun zu müssen. ist aber ziemlich upper-class, high-developed süddeutschland eben. das gesinde ist dort sauber geduscht und wohlriechend sowie devot zurückhaltend. wenn du ihm diese umgangsformen verklickern kannst bekommt er sicher einiges am neckar zusammen...
gruss aus amman, der reisende
gruss aus amman, der reisende
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